Jun 3
In Montana und South Dakota gehen heute Nacht nach 5 Monaten die US-Vorwahlen der Demokraten und Republikaner zu Ende. Während McCain bereits als Kandidat der Republikaner feststeht, dürfen die Demokraten noch weiter spielen auch wenn da eigentlich alles klar ist. 31 "pledged delegates" sind in den beiden Staaten zu holen und Obama führt mich 117 Stimmen. Klares Ding, selbst in den USA. Das alles ist auch nicht meinen ersten Blogeintrag wert.
Was ich mich seit nun 5 Monaten frage ist: Ist das US Wahlsystem besser als das deutsche? Erinnern wir uns an 2000 und Florida, wird sich wohl jeder denken, dass eine Demokratie doch schon besser ist, aber auch darum geht es mir nicht. Was ich meine ist das stark auf Personen bezogene Wählen. Hier kann man vielleicht anführen, dass das politisches Programm wichtiger ist, als die im Fokus stehende Person. Dieses würde aber voraus setzen, dass das Parteiprogramm einer Mehrheit bekannt ist. Dieses wage ich durchaus (mit Recht) zu bezweifeln.
Nun haben wir in den USA Wahlkampfveranstaltungen in Basketballhallen, zu denen mehrere Tausend Menschen erscheinen, was in etwa die Einschaltquote von politischen Sendungen in den dritten Programmen zu nachtschlafender Zeit sein dürfte (und diese Auftritte finden so gut wie jeden Abend statt). Eine große Masse lässt sich für Politik begeistern und setzt sich mit dieser auseinander. In diesem "Uni-Spiegel" der bei uns in der Mensa das Warten auf die Kommilitonen erträglich gestaltet, war in der letzten Ausgabe ein Artikel über Wahlhelfer in den USA, die für ein warmes Mittagessen ihre Ferien opfern oder mal ein Semester schmeißen um die Wahlkämpfe "ihrer" Kandidaten zu organiseren bzw. zu unterstützen. Politik spielt im Alltag durch den Fokus auf die Kandidaten somit wohl eine größere Rolle, oder kann sich jemand Vorstellen, dass Angela Merkel den ISS Dome mietet und dort vor einer jubelnden Menge drüber spricht, dass die gestern den kleinen Peter getroffen hat, dem sie es schuldig ist, ein besseres Schulsystem einzurichten und das alles bei einem CDU internen Vorentscheid?
Die Frage die sich mir nun stellt ist: Ist das US System damit wirklich politischer oder rückt die Politik durch die Kandidaten soweit in den Hintergrund, dass sie keinen mehr interessiert. Da aber verschiedene soziale Gruppen in jedem US-Staat die gleichen Kandidaten wählen, muss es ja irgendwas mit Politik zu tun haben, da diese Menschen ihre Bedürfnisse durch diesen Kandidaten wohl am Besten verstanden wissen. Ich für meinen Teil finde das US-System demokratischer, zumindest in der Theorie. Und in dem Moment wo etwas demokratisch ist und die Bevölkerung den Eindruck hat mit ihrer Stimme etwas bewegen zu können, interessiert man sich auch für Politik. Wenn aber der Eindruck aufkommt, dass alle politischen Parteien eh gleich sind beginnt die Politikverdrossenheit. Ich würde gerne mal in Deutschland das US-System erleben, nur würden die Kandidaten hier die gleiche Masse an Geldgeber ansprechen können? Laut CNN.com hat Obama im Vorwahlkampf bisher 240 Millionen $ an Spendengeldern bekommen. Hillary Clinton nochmal 195 Millionen $. Gute 400 Millionen, damit das ganze Land sieht, wer man ist und was man vertritt. Im Mittelalter hat man sich auf ein Podest gestellt und Geschrien, aber da kannte man ja auch noch nicht Florida.

Kleine Anmerkung am Rande. Diese Touchdisplays aus dem CNN Studio brauch ich unbedingt! Damit eine Mannschaftssitzung vom Fußball. Das wär genau das Richtige!

Geschrieben von Michael Boll

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